Systemische Theorie und Praxis

 

Systemisches Denken

versteht sich als eine Haltung, die den Menschen - den "Beobachter" - zum Ausgangspunkt allen Wissens macht und bemüht ist, komplexe Prozesse angemessen, also ohne unzulässige Vereinfachungen zu erfassen.

Systemisches Denken beruht auf den Ergebnissen systemwissenschaftlicher Forschung, wie sie seit einigen Jahrzehnten in allen Wissensgebieten erbracht werden, u.a. Selbstorganisationstheorien, Autopoiese- und Chaostheorie, Kybernetik und Konstruktivismus.

 

Systemtheoretische Ansätze

kommen zunehmend auch in Medizin, Psychologie und Soziologie zur Anwendung und dienen hier als Grundlage für die Ausarbeitung einer neuartigen Praxis.

Der Mensch wird dabei als soziales Wesen gesehen, das nur aus seiner Eingebundenheit in soziale Prozesse verstanden werden kann. Gleichzeitig sind Menschen aus systemischer Sicht autonome, selbstorganisierende Wesen, die von einer individuellen und im Prinzip undurchschaubaren Eigendynamik geprägt sind.

Die menschlichen Probleme, zu deren Lösung eine Hilfestellung benötigt wird, stellen also soziale Phänomene dar, die nur im Kontext menschlichen Zusammenlebens zu erklären und zu beeinflussen sind.

 

Systemische Praxis

in Therapie, Beratung, Supervision und Coaching entwickelt Wege der Hilfestellung, die es den Rat- und Hilfesuchenden erleichtern, nützliche Alternativen zu Problemen im Sinne eigener Wünsche und Möglichkeiten zu erarbeiten.

Menschen verfügen in der Regel über alle Fähigkeiten, die sie benötigen, um ihre Probleme selbst zu bewältigen.

Systemische Praxis setzt sich daher das Ziel, den Hilfesuchenden unter Berücksichtigung ihrer besonderen Situation auf möglichst einfache Weise zu helfen, die eigenen Stärken und Ressourcen neu zu entdecken und zu aktivieren.

Systemisch orientierte Hilfestellung bedeutet: Hilfe zur Selbsthilfe!
 

Was ist denn nun "systemisch"? Gibt es eine Definition?

Um die Frage beantworten zu können, was denn "systemisch" sei und ob überall dort, wo "systemisch" drauf steht, auch "systemisch" drin ist, muss man wissen, was denn eigentlich "systemisch" ist. Eine Definition - gibt es die?

Vielleicht ist es empfehlens- und wünschenswert, einer Anregung zu folgen, der ich bei Matthias Varga von Kibéd begegnet bin: Er schlägt eine "Komparativische Fassung" des Begriffs "Systemisch" vor:

'Systemisch' ist demnach nicht per se die Eigenschaft eines Ansatzes. Ein Ansatz wird vielmehr immer wieder neu im Vergleich zu anderen Ansätzen betrachtet, um dann zu entscheiden in welcher Hinsicht er 'systemischer' ist.
Diese Heuristik, immer das zu wählen und zu tun, das 'systemischer' erscheint, scheint mir ein gutes Prozesskriterium für die Zukunft zu sein. Die Kriterien oder "basics", wann ein Ansatz oder ein Vorgehen systemischer ist als andere, das könnte in einem fortlaufenden Dialogprozess verhandelt werden.

Jürgen Hargens nennt als Kriterien z.B. "Kontextsensibilität" und "Selbst-Rückbezüglichkeit".
Matthias Varga von Kibéd findet es u.a. systemischer, wenn man eher von Einzeleigenschaften absieht, zugunsten von Interaktionen im Gesamtsystem, wenn man vom Ursache-Wirkungs-Denken stärker abrückt zugunsten der Betrachtung von Kontexten, wenn von der Analyse von Systemteilen Abstand genommen wird zugunsten der Analyse von Beziehungsstrukturen zwischen den Teilen des Systems oder wenn man sich mehr auf Beschreibungen stützt als auf Erklärungen.

Die Hoffnung, die ich damit verbinde ist, dass "Systemische Identität" nichts Festgeschriebenes im Sinne eines "semper idem" ist (das mag vielleicht für die 'Semper Idem AG Underberg' gelten), sondern in Treue zu den Ursprungsideen fluide, kreativ, diskursoffen und resonant in den verschiedenen Kontexten gesucht und gefunden wird.