Die Blattlaus
oder: Vom Umgang mit der Scham ...

 

Am Rande des Waldes, in einem Häuschen unter dem Rosenstrauch, wohnte die Blattlaus.
Sie schämte sich. Sie wusste nicht, wofür, aber sie schämte sich, solange sie sich erinnern konnte.

Morgens, wenn sie aufwachte, wurde sie rot, sobald sie daran dachte, dass sie es war, die hier im Bett lag.
Und wenn sie aufstand, sagte sie: "Es tut mir leid."

Alles tat ihr leid: jeder Schritt, den sie machte, jeder Gedanke, der ihr in den Kopf kam, jedes Verlangen, das sie auch nur für den Bruchteil einer Sekunde empfand. Sie hatte ihre Fenster und Türen sorgfältig mit Brettern vernagelt. Denn wenn jemand hereinschauen und sie sehen würde, was würde er dann von ihr denken? Nichts Gutes.

 

Eines Morgens saß sie hinter dem vernagelten Fenster, als sie jemanden vorbeikommen hörte. Es war Eichhorn. Hier wohnt die Blattlaus, dachte Eichhorn, das stimmt. Er versuchte hineinzuschauen. Aber er sah nichts. Ich muß sie dringend mal besuchen, dachte er. Aber nicht sofort. Da erschrickt sie vielleicht. "Blattlaus!", rief er. "Ich bin's Eichhorn. Soll ich dich morgen besuchen?" Er wartete einen Moment, aber es kam keine Antwort. "Morgen früh?", rief er und ging dann weiter.

Die Blattlaus saß zitternd in der Dunkelheit. Zu Besuch, bei ihr: Noch nie hatte sie sich so geschämt. "Es tut mir leid!", rief sie, als Eichhorn sie schon längst nicht mehr hören konnte. An diesem Nachmittag schrieb sie einen Brief:
"Geehrter Eichhorn, nicht kommen. Bitte, bitte. Blattlaus."
Sie schob den Brief durch ein Loch in der Wand und dachte: Er wird den Brief furchtbar finden und das ist er auch. Ein paar Stunden später kam ein Antwortbrief:

"Liebe Blattlaus, gut, ich werde nicht kommen. Aber ich möchte dir gern etwas schenken. Du hast doch bestimmt mal Geburtstag. Was wünschst du dir? Eichhorn!"

Die Blattlaus hockte sich in eine Zimmerecke unter ihren Stuhl. Mit wirren Haaren und fast violett vor Verlegenheit las sie den Brief immer wieder. Vielleicht findet er mich doch nicht seltsam, dachte sie. Und sofort danach dachte sie: Aber er hat mich ja noch nie gesehen! Ich muß ihn etwas fragen. Unbedingt. Sonst steht er vor meiner Tür und ruft: "Schäm dich! Schäm dich!" Genau so lange, bis ich mich in mich verkrochen habe. An diesem Abend lief sie in ihrem dunklen Zimmer hin und her. Ach, wie schlimm ist es doch, ich selbst zu sein, dachte sie. Erst spät am Abend schrieb sie Eichhorn einen Antwort:
"Lieber Eichhorn, ich möchte gern den Duft von Honig. Aber nur den Duft. Blattlaus

Am nächsten Morgen wachte sie früh auf und war schon bereit, sich wie jeden Morgen für sich selbst zu schämen, als plötzlich der Duft von Honig durch ihren Schornstein hereindrang. Da wurde sie rot und Wellen von Scham schlugen über ihr zusammen. Aber es war eine andere Art Scham als die übliche an normalen Tagen. Seltsam, dachte sie. Was ist das bloß für eine Scham? Mit geschlossenen Augen sog sie vorsichtig den Duft von Honig ein und staunte über sich selbst.

(Aus: Briefe vom Eichhorn an die Ameise, T. Tellegen)